glass 97503 640Meine Mutter hatte sich entschlossen, nach Flaesheim zu ziehen in einen Neubau. Ich sollte weg von dem Ort, in dem ich geboren und bislang aufgewachsen war. Schlimm war auch, dass ich in eine fremde Schule gehen sollte, wo ich die Lehrer und die Schüler nicht kannte. Hier hatte ich doch meine Freundinnen. Ich war sehr unglücklich. Es waren ja nur noch drei Monate bis zur Schulentlassung.

 

Meine Oma hatte ein Einsehen und bot mir an, bei ihr zu bleiben, so dass ich meine Schulzeit in Lavesum beenden konnte. Da fällt mir ein, dass sich der Tag der Schulentlassung in diesem Jahr zum 60. Mal jährt.

Meine Mutter willigte ein und ich war glücklich. Da meine Oma sowieso nicht mehr gut die Treppen steigen konnte, schlief sie unten im Wohnzimmer auf einer Klappcouch. Mir stellte sie oben im Zimmer, wo auch meine Tante schlief, ihr Bett zur Verfügung. Unser Schlafzimmer, das meine Mutter mit uns Kindern bezogen hatte, gab es nicht mehr. Die Wand war herausgebrochen worden, um das Wohnzimmer zu vergrößern.

Ich hatte ein altes Fahrrad bekommen. Es kostete 12 DM, weil es neue Bereifung hatte. Das Geld hatte ich mir zusammen gespart durch Baby-Sitten. Es war eine wunderbare Errungenschaft.

 

Am zweiten Tag nach Weihnachten zogen wir in das neue Heim. So viele Sachen gab es nicht zu packen und viele Möbel hatten wir auch nicht. Die ersten Tage konnte ich ja noch dabei sein, denn wir hatten Weihnachtsferien. Es war für uns wie ein Himmelreich. Alles war neu und es gab ein Badezimmer mit Wanne, Wasserboiler und Spültoilette. Der Wasserboiler hing über der Wanne und musste mit Holz und Kohle beheizt werden. Ein Waschbecken gab es nicht im Bad, dafür war in der Küche ein Spülstein, so nannte man das viereckige Becken mit Wasserhahn darüber. Wir brauchten kein Wasser mehr mit Eimern irgendwo herholen.

Die Wohnküche hatte ein schönes großes Fenster, durch das man in den Garten, der in vier Streifen eingeteilt war, für jede Familie im Haus einen, hinausschauen und bis in die Haard sehen konnte. Heute geht das nicht mehr, es ist alles zugebaut.

 

Neben der Küche war noch ein kleiner Raum, der wohl als Kinderzimmer gedacht war. Daraus wurde unser erstes eigenes Wohnzimmer. Meine Mutter konnte bei Peters, wo sie immer noch aushalf, eine preiswerte Polstergarnitur erstehen. Auf Raten natürlich. Ein Tisch, der sogar Höhen verstellbar und ausziehbar war, kam dazu. Ein roter Kokosläufer zierte den Boden. Ein Schrank passte nicht mehr in das Zimmer, aber ein kleiner Ofen musste noch angeschafft werden. Das Schlafzimmer teilten wir uns: meine Mutter, meine jüngere Schwester und ich. Meine ältere Schwester wohnte bei der Familie, bei der sie arbeitete.

Zu jeder Wohnung gehört noch ein Mansardenzimmer, zwei Treppen hoch. Es passten gerade ein Bett und ein kleiner Kleiderschrank hinein. Aber erstaunlicherweise gab es dort ein kleines Waschbecken. Dieses Zimmer bekam mein Bruder.

 

Es war sehr kalt in jenem Winter und die Wohnung war wohl noch nicht ausgetrocknet. Vor allem das Schlafzimmer zur Nordseite des Hauses war feucht und kalt, es war ja auch nicht beheizbar. Einen elektrischen Heizofen hatten wir nicht, aber eiskalte Schlafzimmer waren wir ja gewohnt.

Einen Kellerraum gab es auch noch: Für Holz, Kohle und ein Regal mit Eingemachtem. Als alles so weit fertig eingeräumt war, die Gardinen aufgehängt waren und im Ofen und Küchenherd ein wärmendes Feuer brannte, konnte der Silvesterabend 1954 kommen. Mit Kartoffelsalat und Würstchen und Kellergeister-Pfirsichbowle wurde gefeiert. Meine Patentante war auch da, sie hatte uns beim Umzug geholfen. Sie schlief als Erste auf der neuen Couch. So war die Silvesterfeier auch gleichzeitig die Einweihungsparty für unsere neue Wohnung. (Fortsetzung folgt)
©Rosemarie Brathe