green-84649 640Egal - ob Sturm oder Regen - was sein musste, musste sein.

Zehn Jahre war ich alt, immer ein wenig untergewichtig und öfter mal krank. Meine Schwester, drei Jahre älter, war etwas stabiler, aber sie hatte eine schwere Krankheit gehabt, nämlich Diphtherie.

Meine Mutter hatte sich bemüht, für uns eine Kur zu bekommen. Weil mein Vater bei der Eisenbahn gearbeitet hatte, sollten wir in ein Kin­derheim der Bahn geschickt werden. Vorab standen aber noch diverse Untersuchungen an. Zunächst mussten wir zum Gesundheitsamt, der Termin war morgens. Wir hatten großes Glück, denn ein netter Post­beamter aus dem Dorf nahm uns mit dem Postauto nach Haltern mit. Das war meine allererste Autofahrt und ein echtes Erlebnis.

Im Gesundheitsamt wurden wir gewogen, gemessen und geröntgt. Die Papiere musste meine Mutter zu unserem Hausarzt bringen und gleichzeitig benötigten wir einen weiteren Termin für eine Untersu­chung, diese war für einen Nachmittag im November vorgesehen.

Es regnete, ein kalter stürmischer Wind schüttelte die Bäume. Es half nichts, meine Schwester und ich mussten nach Haltern zu dem Arzt laufen. Zum Glück hatten wir Regenumhänge, die hatte meine Mutter irgendwo erstanden. Der Wind war so stark, dass wir kaum dagegen ankamen. Am Treckeberg kam uns ein Mann entgegen. Er schob sein Fahrrad, den Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen, ein Wunder, dass er ihn noch auf dem Kopfe hatte. Auf gleicher Höhe angekommen, er­kannten wir uns. Es war unser Onkel, der Bruder unserer Mutter. Verwundert fragte er: „Was macht ihr denn hier bei diesem Wetter?"

Wir erklärten ihm den Grund. Er schüttelte den Kopf und meinte, den Termin hätte man doch absagen können, der Arzt hätte doch sicherlich ein Telefon. Der schon, aber bei uns war weit und breit noch keins. Wir kämpften uns weiter durch Wind und Regen. Nachdem wir die Untersuchung überstanden hatten, bummelten wir noch ein wenig durch die Stadt. Zum Glück kannte meine Schwester sich schon ein wenig aus, für mich war Haltern groß und aufregend. Lange konnten wir uns nicht aufhalten, denn bei Tageslicht sollten wir wieder zurück sein. Gerade im Dorf angekommen, hatten wir Glück. Ein Bauer, der in unserer Nähe wohnte, und mit seinem Pferdewagen heimwärts fuhr, sammelte uns ein und setzte uns vor unserer Haustür ab. Meine Mutter war froh, dass wir das Abenteuer unbeschadet überstanden hatten.

©Rosemarie Brathe