christmas market 1076400 640Leider war der Sommer schon wieder vorbei, und auch der Herbst neigte sich bereits dem Ende zu. Die Kartoffelfeuer waren erloschen. Pilze, Eicheln, Bucheckern und Kastanien waren gesammelt. Die Bäume hatten ihr schönes, buntes Laub verloren, es wurde auf dem Hof zu großen Haufen zusammengeharkt.

Wir Kinder tobten gern darin herum, es machte Spaß, es raschelte so schön. Unsere Oma sah das gar nicht gerne, weil wir die Laubhaufen wieder auseinander brachten und unsere Kleidung auch nicht gerade sauber blieb. Und das Waschen war damals bekanntlich harte Arbeit. Die Oma schimpfte mit uns. Ich war ja nun die Älteste von den fünf Kindern, die da noch auf dem Hof spielten.

Ich war schon zwölf Jahre alt und musste vernünftig sein. Meine kleine Schwester und die drei Kinder meiner Tante, die oben im Haus wohnten, waren alle jünger als ich. Meine ältere Schwester und mein Bruder hatten die Schule schon hinter sich und gingen zur Arbeit. Wenn es Winter wurde und die Feldarbeit vorbei war, war meine Mutter auch wieder mehr zu Hause. Sie half zwar auch im Winter noch oft auf dem Bauernhof. Aber sie hatte doch mehr Zeit für uns.

Am schönsten war es, wenn die geheimnis- und erwartungsvolle Adventszeit anfing. In der Wohnstube war es schön warm. Es wurde gebastelt, gestrickt, gehäkelt und genäht. Ich strickte mir Handschuhe, Socken, Schals und Glockenröcke selber. Das hatte uns die Tante beigebracht. Für meine Mutter als Geschenk behäkelte ich Taschentücher. Einige davon gibt es heute noch. Bücher zum Lesen hatten wir wenig. Manchmal wurden im Schwesternhaus in der Bücherei welche ausgeliehen, aber die waren meistens für die Erwachsenen.

Eines Tages überraschte meine Tante mich mit einem verlockenden Angebot. Sie sagte: „Möchtest du mit mir in die weihnachtliche Stadt nach Recklinghausen fahren? Da können wir ein paar Sachen für Weihnachten einkaufen." Und ob ich wollte. Ich freute mich sehr darauf. Wir wählten den Samstag für unseren Ausflug, weil ich dann früher Schulschluss hatte. Meine Tante hatte schon ein Fahrrad und ich durfte ausnahmsweise das von meiner Mutter nehmen. Wir fuhren nach Haltern und dann mit dem Zug nach Recklinghausen. Alleine das war schon ein Erlebnis. So große Weihnachtsmärkte wie heute gab es noch nicht, aber es faszinierte mich schon, die schön beleuchtete Stadt und die geschmückten Schaufenster und Läden zu sehen. Was es hier für schöne Sachen gab! Überrascht war ich, dass hier schon die Tannenbäume geschmückt waren. Wir sahen unseren festlichen Baum immer erst am Heiligen Abend.

Etwas Geld hatte ich gespart. Im Sommer hatte ich immer auf zwei kleine Jungen aufgepasst und dafür etwas Geld bekommen. So konnte ich meiner Mutter nun ein Weihnachtsgeschenk kaufen. Ich entschied mich für eine schöne, große Christbaumkugel und einen goldenen Stern. Es reichte auch noch für eine kleine Leckerei für die Mutter und Salmiakpastillen für mich. Meine Tante spendierte ein Stück Kuchen. Dann mahnte sie auch schon zur Rückkehr.

Auf dem Weg zum Bahnhof fiel mir ein, dass ich Lametta vergessen hatte. Wir mussten aber den Zug bekommen. Ich konnte nicht zurücklaufen. Meine Tante tröstete mich, sie würde es mir in Haltern besorgen. So war ich dann zufrieden. In Haltern angekommen, war es bereits dunkel und wir mussten noch mit dem Rad bis Lavesum. Aber das war halb so schlimm. Dafür hatte ich einen schönen Tag.

©Rosemarie Brathe

Rosemarie Brathe