tauberbischofsheimMeine erste größere Reise, die ich als junges Mädchen unternahm, werde ich nie vergessen. Mein Bruder lebte und arbeitete schon einige Zeit in Tauberbischofsheim. Er hatte sich inzwischen ein Motorrad angeschafft. Er kündigte uns einen Besuch an, denn er wollte meiner Mutter und uns Schwestern seine Freundin vorstellen. Sie kamen mit dem Motorrad. Ich sehe sie noch vor mir. Sie waren nass wie die Katzen, denn sie waren vom Regen überrascht worden. Sie blieben einige Tage und luden mich ein, sie in Tauberbischofsheim zu besuchen.

Eigentlich hatte ich kein Geld, um zu verreisen. Ich war in der Ausbildung und verdiente 30 DM im Monat. Es reizte mich aber schon, dieses Angebot anzunehmen. Zum Glück bekamen meine Mutter und wir jedes Jahr einen Freifahrtschein, weil mein Vater bei der Bahn gearbeitet hatte. Mein Bruder versprach, mir eine günstige Unterkunft zu besorgen. Es sollte dann auch gleich geschehen, weil ich noch Urlaub hatte. Mein Bruder kümmerte sich um eine Bahnverbindung und schlug vor, ich solle am gleichen Tag, an dem er mit seiner Freundin zurück fuhr, am Nachmittag mit dem Zug nach kommen. Er würde mich dann am Abend von Würzburg abholen, weil von dort so spät am Abend kein Zug mehr nach Tauberbischofsheim fuhr.

Ohne weiter zu überlegen - was ein großer Fehler war - trat ich also zum ersten Mal alleine diese längere Bahnreise an. Zum Glück konnte man damals noch den Koffer in Haltern am Bahnhof für wenig Geld aufgeben. Guten Mutes stieg ich in den Zug ein, der mich nach Köln brachte. Ich musste zum ersten Mal umsteigen. Auf so einem großen Bahnhof kam ich mir schon sehr verloren vor. Ich musste den D-Zug nach Frankfurt finden. Aber es klappte wider Erwarten gut, und so fuhr ich meine zweite Etappe am Rhein entlang.

In Frankfurt angekommen, suchte ich die Treppen. Wie kam ich auf den anderen Bahnsteig? Dann fiel mir ein, was mein Bruder mir gesagt hatte: Pass auf, in Frankfurt am Bahnhof sind keine Treppen. Du musst bis vorne laufen zu den anderen Bahnsteigen. So fand ich auch meinen Zug nach Würzburg. Dort kam ich am Abend um 22 Uhr an. In der Hoffnung, mein Bruder steht am Bahnsteig. Fehlanzeige! Ich lief herum und suchte ihn. Plötzlich hörte ich, wie mein Name über Lautsprecher ausgerufen wurde. Ich erschrak. Ich wurde zu einem bestimmten Schalter beordert. Dort sagte man mir, mein Bruder habe angerufen, er habe eine Panne und könne mich nicht abholen. Ich sollte auf ihn warten. Ich fühlte mich von aller Welt verlassen. Nachts im Dunkeln auf einem fremden Bahnhof, weit weg von zu Hause.

Ich wartete geduldig in der Halle, dann draußen vor dem Bahnhof. Bei jedem Motorengeräusch dachte ich, jetzt kommt er. So wurde es 6 Uhr morgens. Da wurde der Wartesaal geöffnet. Ich ging hinein und bestellte mir einen Kaffee. Da kam ein Mann, setzte sich zu mir an den Tisch. Er wollte wissen, woher ich käme und wohin ich wolle. Er bot sich an, mich mitzunehmen.

Mir fielen Mutters Ermahnungen ein: Lass dich nicht von fremden Männern ansprechen, schon gar nicht einladen. Im Moment war mir das egal. Übermüdet war ich, deshalb schlug ich alle Vorsätze in den Wind. Ich ging mit dem Mann. Aber kaum saß ich im Auto, wurde er aufdringlich. Zum Glück schaffte ich es noch, meine Tasche zu packen und aus dem Auto zu springen. Ich rannte in Panik in das Bahnhofsgebäude zum nächsten Schalter. Dort erhielt ich die Auskunft, dass der Zug nach Tauberbischofsheim schon auf dem Gleis stehe. Ich rannte los und war am Ende froh, den Mann abgehängt zu haben. In Lauda musste ich noch einmal umsteigen. Auf meiner letzten Etappe fielen mir immer wieder die Augen zu. Ich hatte Angst, einzuschlafen und mein Ziel zu verfehlen. Endlich kam ich an. Ein Taxi war mir zu teuer, so ging ich zu Fuß in die Stadt und suchte nach der Konditorei, in der mein Bruder arbeitete. Als ich nach ihm fragte, musste man ihn wecken. Er schlief noch, weil auch er erst gegen Morgen angekommen war. Ich konnte nichts mehr sagen. Ich war fix und fertig, mir liefen die Tränen über die Wangen. Mein Bruder brachte mich zu einer netten älteren Dame. Sie hatte ein Zimmer für mich. Ich fiel ins Bett und schlief bis zum Abend.

Das war mein erstes, großes Reiseerlebnis. Später hatte ich wesentlich schönere.

©Rosemarie Brathe