Geschichten

hahnDer kalte Winter war bald vorbei und ich freute mich wie immer schon sehr auf den Frühling. Als dann endlich Ostern vor der Türe stand, stellte sich meiner Mutter die Frage: Was bringen wir an den Feiertagen auf den Tisch? Es sollte natürlich auch ein Festtagsbraten sein.

Geld hatte sie nicht, um viel und groß einzukaufen. Mir war es egal. Ich aß sowieso nicht gerne Fleisch. Hauptsache war, es gab ein schönes Osternest mit etwas Süßem und bunten Eiern.

Wir hatten ja immer einige Kaninchen im Stall, aber da hatte schon eines zu Weihnachten dran glauben müssen. Schlachten musste es immer der Nachbar von nebenan. Das brachte meine Mutter nicht übers Herz. Abziehen und ausnehmen schaffte sie dann doch alleine. Man kann viel, wenn man alleine die Familie durchbringen muss. Die Männer waren leider im Krieg.

Nun wurde aber mit Tanten und Oma beschlossen, ein Huhn sollte für die Suppe sein Leben lassen. Und ich traute meinen Ohren nicht: Der stolze Hahn mit den schönen bunten Federn, der Herr des Hühnerhofes, der so herrlich krähen konnte, sollte als Braten serviert werden. Da der Nachbar nicht da war, begab meine Mutter sich selbst ans Werk. Gerne hat sie es wohl auch nicht getan. Das arme Huhn war schnell erledigt. Dann wurde der Hahn gefangen. Hinterlistig mit Futter angelockt. Er tat mir so leid, ich hätte ihn am liebstenweit weg gejagt. Ich konnte es nicht mit ansehen, wie sie mit ihm zum Hauklotz ging. In dem Moment, in dem sie mit dem Beil zuschlug, wehrte sich der Hahn so heftig, dass er ihr aus der Hand glitt und mit ein paar aufbäumenden Flüge/schlägen zu einem  Holzhaufen flog und sich mit letzter Kraft in eine Lücke zwischen den Scheiten verkroch. Ich fragte mich, wie er das geschafft hatte. Er

konnte nämlich nicht mehr sehen. Meine Mutter rief vor Schreck um Hilfe. Alle kamen angerannt. Mein Bruder half und machte dem makabren Schauspiel ein Ende. Er zog das Tier aus dem Versteck. Der Kopf hing ziemlich daneben. Der Hahn war jetzt tot und musste nicht mehr leiden. Was meine Mutter ja auch gewollt hatte. Es war für mich ein

schreckliches Erlebnis, das ich bis heute nicht vergessen habe.

©Rosemarie Brathe


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