Geschichten
mutterhand 

Am heiligen Abend:
Sythen bei Haltern am See, 24.12.2015, 19.36 Uhr
S. K. erzählt:

Meine Hand,
so klein und zerbrechlich,
streichelt ihre raue Hand.
Langsam öffnet sich diese
und ich schiebe meine hinein.
Geborgen und heimisch fühle ich mich -
                                         in der Hand meiner Mutter.

                                       

Auf einem Feldbett, olivgrün
sitze ich neben ihr.
Stimmengemurmel von allen Seiten.
Zehn Feldbetten stehen hier, nebeneinander.
Alles fremde Gesichter. 
Sie reden in verschiedenen Sprachen
und das, in einem unbekannten Land.
Ich habe keine Angst. Nicht -
                                          in der Hand meiner Mutter.

Wir sind lange unwegsame Straßen gelaufen.
Meine Beine schmerzten, die Füße brannten.
Ich weinte nicht, denn meine Hand war in der Heimat -
                                           in der Hand meiner Mutter.

Vom Sturm gepeitschte Wellen erhoben sich vor unserem Schlauchboot

Riesige, gewaltige, brutale Wasserberge.
Das Boot, winzig, hoffnungslos überfüllt.
Das kalte graue Meer öffnete den Rachen, um mich zu verschlingen.
Doch ich sog die Kraft -
                                            aus der Hand meiner Mutter.

Draußen ist es schon dunkel.
Eine eisige Nacht.
Alle frieren, - nur ich nicht, denn ich bin -
                                            in der Hand meiner Mutter.

 

 (aus der Geschichtenmanufaktur „Unikata“ von Ludger Pötter)

 

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