Geschichten

karnevalAls wir vor über 50 Jahren nach Flaesheim zogen, lernte meine Mutter dort ein Ehepaar kennen. Sie freundete sich mit ihm an. Es war sehr nette Leute, wir waren viel zusammen. Das Ehepaar hatte schon damals einen Fernsehapparat und lud uns immer in der Karnevalszeit ein, die Sendung „Mainz wie es singt und lachÜ mit ihm zu schauen. Ich war ja schon 15 Jahre alt und durfte abends dabei sein.

Auch Eiskunstlaufen sah ich so gerne, auch das durfte ich bei unseren Freunden sehen. Ein Erlebnis war es auch, als sie mich zu einem Ausflug nach Schloss Nordkirchen einluden. Sie hatten ein Motorrad, ich durfte in den Beiwagen klettern. Es war schon ein großartiges Gefühl, so nah am Boden zu sitzen. Aber zurück zum Karneval.

Meine Mutter machte auch immer gerne etwas für und mit Kindern. Meine ältere Schwester arbeitete in einer Familie, die kleine Kinder hatte. Meine jüngere Schwester fand hier neue Freundinnen. Auch in unserer Hausgemeinschaft wohnten zwei kleine Kinder. Meine Mutter schlug vor, alle diese Jungen und Mädchen einzuladen zu einem Karnevalsfest. Alle waren begeistert. Ich konnte ja schon bei den Vorbereitungen und bei der Betreuung helfen. Es wurden Berliner Ballen gebacken, so wie meine Mutter es immer zu Rosenmontag tat. Auch selbstgemachte Caramel-Bonbons kamen gut an. Konfetti und Luftschlangen gab es auch schon, Cola und Sprudel nicht, stattdessen hatten wir Saft im Keller.

Alle Kinder kamen kostümiert. Sie sahen nicht so perfekt aus wie manche Kinder heute. Aber damals konnte man kein Geld für Karnevalskostüme ausgeben. Mit lustigen Liedern und Spielen wurde es ein fröhlicher Nachmittag. Wir freuten uns, dass es den Kindern so gut gefallen hatte.

Der Tag war aber noch nicht zu Ende. Am Abend kamen die Mitbewohner, es waren drei Familien, und wir feierten kostümiert bei Kellergeister-Bowle in bester Stimmung den Rosenmontag 1956.

Am nächsten Tag wollte ich nach dem reichlichen Konfettiregen den Kokosläufer absaugen. Einen Staubsauger hatten wir schon, aber der streikte. So musste der Läufer nach draußen auf die Teppichstange. Mit Klopfer und Bürste war es etwas mühselig, die kleinen bunten Plättchen aus dem groben Teppich heraus zu bekommen. Aber es überwiegen die schönen Erinnerungen, allein das ist wichtig.

©Rosemarie Brathe

lavesumIn einer anderen Geschichte beschrieb ich das alte Haus in dem ich geboren bin und den ersten Lebensabschnitt, den ich darin verbracht ha. So gibt es noch einige alte Häuser, in denen ich mehr oder weniger Zeit meines Lebens verbrachte. Auch sie wecken Erinnerungen an Lebensabschnitte, wenn ich an ihnen vorbeikomme.

Als ich zwölf Jahre alt war, wollte meine Mutter endlich einmal mit uns Kindern alleine wohnen. Sie fand etwas Bezahlbares im Dorf. Man ging durch eine Waschküche eine Treppe hoch. Da hatten wir eine Wohnküche und gegenüber auf dem Flur ein Schlafzimmer für meinen Bruder. Unten gab es noch ein Schlafzimmer für meine Mutter, meine Schwester und mich. Ein Bad hatten wir nicht, die Toilette war unten hinter der Waschküche. Wasser musste man nach oben tragen. Später wollten die Vermieter eine größere Küche haben. Eine Wand wurde entfernt und der Flur gehörte mit zur Küche. Was war das Ende vom Lied? Wir mussten durch die Küche der Vermieter, um in unser Schlafzimmer zu kommen.

Die Leute waren zwar sehr nett und sagten, es mache ihnen nichts aus, wenn wir durch ihre Küche gingen. Uns gefiel das aber gar nicht. Wir waren nicht so glücklich in der eigenen Wohnung. Meine Mutter verdiente sich etwas Geld, indem sie das Möbellager bei Peters putzte - was ja damals nicht groß war. Sie half auch öfter in der Küche der Gaststätte Hiltrop.

Für uns Kinder war es natürlich schön, dass wir nicht mehr so einen weiten Schulweg hatten. Zur Schule und Kirche waren es nur ein paar Minuten statt vorher einer halben Stunde. Jetzt gingen wir aber auch in die Schulmesse, was wir vorher nicht unbedingt mussten. Ein Lebensmittelladen war so etwa 200 Meter vom Haus entfernt, Elling hieß er. Noch ein Laden war direkt hinter dem Haus, in dem wir jetzt wohnten. Die Familie Schäpers kannten wir sehr gut, denn die alte Frau des Hauses lud meine Mutter mit uns Kindern seit einigen Jahren, nachdem sie gehört hatte, dass meine Mutter Kriegerwitwe geworden war, am 1. Weihnachtstag nach der Festmesse zum Frühstück ein. Sie

machte uns auch Geschenke, zum Beispiel gab es Socken, Handschuhe, Schals und ein paar Süßigkeiten.

Wir freuten uns immer darüber, dass die Frau so lieb und nett zu uns war. So etwas vergisst man nicht. Ihr Sohn und seine Frau hatten einen kleinen Jungen. Ich wurde gefragt, ob ich auf das Kind aufpassen könne. Ich machte das sehr gerne. So durfte ich jeden Nachmittag den kleinen Joachim ausfahren. Ich mochte kleine Kinder sehr gerne. Nun konnte ich auch einen Nähkursus bei den Schwestern im Antoniushaus besuchen. Da nähte ich meine erste Schürze. Auch meine Mutter besuchte die Kurse und nähte für uns Mäntel aus Wolldecken. Das waren sehr schöne Weihnachtsgeschenke.

Ein gutes Jahr wohnten wir im Dorf, als meine ältere Schwester an einem Sonntag nach Hause kam. Sie arbeitete als Hausgehilfin bei einer Familie in Flaesheim. Sie erzählte meiner Mutter, dass bei Firma Cirkel eine Putzfrau gesucht würde und sie bekäme eine Wohnung für ihre Arbeit in einem neu erbauten Vierfamilienhaus in F!aesheim. Den Tipp hatte meine Schwester von dem Vater der Familie, bei der sie arbeitete. Denn er war auch bei Cirkel beschäftigt.

Meine Mutter wurde gleich hellhörig. Das war ein Angebot, das eine Überlegung wert war. Als meine Schwester das Interesse unserer Mutter in Flaesheim übermittelte, bekam sie einen Vorstellungstermin. Sie fuhr mit dem Fahrrad zu den Kalksandsteinwerken. Von Lavesum ein weiter Weg, aber Busse fuhren noch nicht. Als sie zurück kam, war es beschlossene Sache: Zum 1. Januar 1955 konnten wir in die neue Wohnung einziehen.

So endete der kurze Abschnitt in der zweiten Wohnung meines Lebens.

©Rosemarie Brathe

kinder spielenIst das nicht ein schönes, langes Wort? Nun wurde es ernst, nach all den, für uns schon aufregenden Vorbereitungen, kam der Bescheid, dass meine Schwester und ich am 2. Januar zur Kur nach Bad Dürrheim in den Schwarzwald geschickt werden sollten. Meine Mutter hatte die Sorge, was wir zum Anziehen brauchten. So richtige wetterfeste Kleidung hatten wir nicht, und dass im Schwarzwald, im Januar, tiefster Winter mit viel Schnee auf uns wartete, war ja wohl klar. Es wurde also beraten. Meine Tante, die gut nähen konnte, machte für mich einen neuen Mantel aus einer Wolldecke. Für meine Schwester wurde ein altes gutes Stück aufgetrennt, gewendet und nach Maß für sie ein schöner Mantel gemacht. Sie nähte auch noch für jede ein warmes Flanellnachthemd. Meine andere Tante strickte Pullover, meine Mutter Mützen, Schals und Handschuhe und wir selber konnten Socken und Röcke stricken, was wir schon früh gelernt hatten. Übrigens, Socken stricken lernten wir auch in der Schule. Zum erstenmal bekamen wir warme lange Trainingshosen und Gummistiefel. So bestens ausgerüstet ging es am 2. Januar los. Meine Mutter musste uns zu einem Sammeltransport bringen. Ein Bauer, bei dem meine Mutter oft arbeitete, brachte uns mit der Pferdekutsche nach Haltern zum Bahnhof. Mit der Bahn fuhren wir nach Wanne-Eickel. Dort trafen sich die Kinder, die zu dem Transport gehörten. Jetzt hieß es Abschied nehmen. Etwas bang war mir doch um' s Herz, so eine weite Reise ohne meine Mutter zu machen. Aber zum Glück hatte ich ja meine große Schwester dabei, das beruhigte mich doch sehr. Kurz nach 22.00 Uhr setzte sich dann der Schnellzug mit unserer Gruppe von neun Kindern und zwei Begleitpersonen in Bewegung. Wir fuhren in die Nacht hinein und konnten leider nichts von der Landschaft sehen. Natürlich sollten wir ja auch schlafen, woraus aber nicht viel wurde. Wenn der Zug an den großen Bahnhöfen hielt, waren alle wieder wach. Da war Leben und Treiben und es gab was zu sehen. Ich höre immer noch den Ausruf des Schaffners: „Hier Freiburg im Breisgau," und ich dachte, o je, was bin ich schon weit von zu hause weg. Am anderen morgen gegen 7.00 Uhr wurden wir von einem kleinen Bahnhof abgeholt und zum Kinderheim gebracht. Wir waren begeistert von der schönen, tief verschneiten Landschaft. Das Haus stand etwa zwei km vor dem Ort am Rande eines Waldes und sah aus wie ein kleines Märchenschloss. Wir wurden in einer großen Halle empfangen, wo uns noch ein geschmückter Tannenbaum entgegenstrahlte, der vom Boden bis zur Decke reichte. Das gefiel mir alles sehr gut. Wir bekamen ein Frühstück und sollten dann noch ins Bett, weil wir ja in der Nacht nicht viel geschlafen hatten und auch alle recht müde waren. Doch dann kam für mich der erste Schock. Ich wurde, weil ich jünger war und zu den Kleinen gehörte, von meiner Schwester getrennt und in einen großen Schlafsaal gebracht. Ich wollte sofort zu meiner Schwester zurück, was aber zuerst abgelehnt wurde. Da ich aber anfing herzzerreißend zu weinen, wurde ich nach kurzer Beratung des Betreuungspersonals zu meiner Schwester zurück gebracht und durfte bei ihr und einem anderen Mädchen in einem Dreibettzimmer schlafen. So blieb es auch und darüber war ich sehr glücklich. Mittags zum Essen gingen wir in einen großen Speisesaal und sahen zum ersten mal alle Kinder, die dort waren. Eigentlich bekamen wir gutes Essen. Manchmal aber gab es eingemachte schwarze Kirschen zum Nachtisch, die wir alle nicht essen wollten. Es schwammen nämlich kleine weisse Würmer auf dem Saft. Das war ekelig. Die Betreuung sagte, wir sollten uns nicht so anstellen, wir könnten die Würmchen ja abfischen. Das machten wir dann auch. Jede einzelne Kirsche wurde aber auch auf Einwohner untersucht und nur mit Widerwillen gegessen. Ich mochte auch, wie manche anderen Kinder,keinen Fisch. Den mussten wir aber auch nicht essen, dafür bekamen wir Quark zu den Pellkartoffeln. Von 13.00 bis 14.30 Uhr war Mittagsschlaf angesagt. Wenn wir anschliessend zum Rodeln gingen, legten wir uns voll angezogen ins Bett, die Decke bis zum Hals, damit eine kontrollierende Aufsichtsperson nichts merkte. Wenn die Glocke zum Aufstehen läutete, sprangen wir aus dem Bett und rannten in den Speiseraum. Jeder, der fertig angezogen war, durfte schon sein Marmeladenbrot essen und Kakao trinken. Schnell liefen wir danach in den Keller, um uns für draußen anzuziehen. Der springende Punkt war nämlich, wer zu den Ersten gehörte, konnte einen guten Schlitten erwischen. Es gab einige, die besonders gut fuhren. Wir machten auch Wanderungen durch den verschneiten Wald und schüttelten gerne unverhofft die Bäume, dass den anderen der Schnee auf den Kopf fiel. Wir bauten auch Schneehütten. Es machte alles sehr viel Spaß, nie wieder habe ich den Schnee so genossen. Im Haus war es gemütlich. Wir machten Spiele oder bekamen etwas vorgelesen. Manchmal wurde ein Plattenspieler angestellt und ein Mädchen, das Ballettschülerin war, durfte uns etwas vortanzen. Das fand ich ganz toll. Seitdem träumte ich davon, so etwas auch lernen zu dürfen. Das Mädchen, welches mit uns auf dem Zimmer schlief, war sehr nett. Sie hieß Irene Kruse und wohnte in Hodenhagen an der Aller. Manchmal nachts, schnarchte sie. Dann haben wir ihr eine Wäscheklammer, die wir aus dem Keller hatten, auf die Nase gesetzt. Dafür mussten wir dann morgens ihr Bett machen, was sie nicht gerne tat. Wir verstanden uns sehr gut und hatten viel Spass miteinander. Zum Schluss der Kur durfte ich mit meiner Schwester und ein paar anderen großen Mädchen sogar alleine in den Ort gehen und Souvenirs einkaufen. Etwas Taschengeld hatten wir ja mitbekommen. Wir hatten uns vertrödelt und kamen etwas zu spät zurück. Jede hatte Angst, als Erste hinein zu gehen. Ich versteckte mich natürlich hinter den Großen. Wir erwarteten ein Donnerwetter, aber mit ein paar vorwurfsvollen Worten kamen wir recht glimpflich davon. Als wir am Ende unseres Aufenthaltes gewogen wurden, hatte ich ein gutes Kilo zugenommen, wurde aber immer noch als zu leicht befunden. Mit unserer neu gewonnenen Freundin Inge hatten wir noch lange Kontakt. Einmal haben wir sie besucht, als sie in Ferien bei ihrer Oma in Dortmund war. Später hat sie auch uns einmal in Flaesheim besucht. Wir haben uns noch einige Jahre geschrieben, doch dann ist der Kontakt alimählig eingeschlafen. Gerne wüsste ich, was aus ihr geworden ist. Es waren schöne sechs Wochen meines Lebens, die ich, wie man sieht, nie vergessen habe.

© Rosemarie Brathe


hahnDer kalte Winter war bald vorbei und ich freute mich wie immer schon sehr auf den Frühling. Als dann endlich Ostern vor der Türe stand, stellte sich meiner Mutter die Frage: Was bringen wir an den Feiertagen auf den Tisch? Es sollte natürlich auch ein Festtagsbraten sein.

Geld hatte sie nicht, um viel und groß einzukaufen. Mir war es egal. Ich aß sowieso nicht gerne Fleisch. Hauptsache war, es gab ein schönes Osternest mit etwas Süßem und bunten Eiern.

Wir hatten ja immer einige Kaninchen im Stall, aber da hatte schon eines zu Weihnachten dran glauben müssen. Schlachten musste es immer der Nachbar von nebenan. Das brachte meine Mutter nicht übers Herz. Abziehen und ausnehmen schaffte sie dann doch alleine. Man kann viel, wenn man alleine die Familie durchbringen muss. Die Männer waren leider im Krieg.

Nun wurde aber mit Tanten und Oma beschlossen, ein Huhn sollte für die Suppe sein Leben lassen. Und ich traute meinen Ohren nicht: Der stolze Hahn mit den schönen bunten Federn, der Herr des Hühnerhofes, der so herrlich krähen konnte, sollte als Braten serviert werden. Da der Nachbar nicht da war, begab meine Mutter sich selbst ans Werk. Gerne hat sie es wohl auch nicht getan. Das arme Huhn war schnell erledigt. Dann wurde der Hahn gefangen. Hinterlistig mit Futter angelockt. Er tat mir so leid, ich hätte ihn am liebstenweit weg gejagt. Ich konnte es nicht mit ansehen, wie sie mit ihm zum Hauklotz ging. In dem Moment, in dem sie mit dem Beil zuschlug, wehrte sich der Hahn so heftig, dass er ihr aus der Hand glitt und mit ein paar aufbäumenden Flüge/schlägen zu einem  Holzhaufen flog und sich mit letzter Kraft in eine Lücke zwischen den Scheiten verkroch. Ich fragte mich, wie er das geschafft hatte. Er

konnte nämlich nicht mehr sehen. Meine Mutter rief vor Schreck um Hilfe. Alle kamen angerannt. Mein Bruder half und machte dem makabren Schauspiel ein Ende. Er zog das Tier aus dem Versteck. Der Kopf hing ziemlich daneben. Der Hahn war jetzt tot und musste nicht mehr leiden. Was meine Mutter ja auch gewollt hatte. Es war für mich ein

schreckliches Erlebnis, das ich bis heute nicht vergessen habe.

©Rosemarie Brathe


murmelnDie Herbstferien waren gerade vorbei. Seit ein paar Tagen gingen wir wieder zur Schule. Ich freute mich auf den Schulbeginn, denn dann kam ich wieder mit meinen Freundinnen zusammen.

In den Ferien konnten wir auch nicht immer mit­einander spielen, weil wir zu weit auseinander wohnten. Auto und Fahrräder hatten wir nicht.

An diesem Tag hatten wir eine Stunde eher Unterrichts-Ende. Der Jubel war groß. Herbst war immer Knicker-zeit, und so konnten wir noch ein paar Runden spielen. Auch, wenn man dabei kalte Finger bekam. Der Schul­hof war auch noch nicht zubetoniert, so konnte man die kleine Kuhle machen, in welche die bunten Tonkugeln geknippst werden mussten.

Wir waren so in unser Spiel vertieft, dass wir die Zeit vergaßen. Die Kirchturmuhr schlug 13 Uhr und wir mussten uns schleunigst auf den Heimweg machen, sonst gab es Schimpfe. Ich entschloss mich, nicht allein durch die Felder, sondern lieber mit den anderen den längeren Weg über die Straße zu gehen. Unterwegs war nämlich ein Esskastanienbaum, wo ich gerne welche aufsammelte. Manchmal fand ich auch einige Pilze, die unter hohen Buchen wuchsen, an denen ich vorbei musste.Wir spielten noch Fange nauf der Straße. Plötzlich war ich zu Hause und wusste nicht, wie ich dahin gekommen war. Ich hatten Schürfwunden an Armen und Bei­nen.

Als Erklärung gab ich an, eine Nachbarin hätte mich auf dem Fahrrad mitgenommen und wir seien gestürzt.

Am nächsten Tag wurde meiner Mutter berichtet, dass ich vor ein Motorrad gelaufen war. Da der Fahrer meinte, dass mir nicht viel passiert wäre, ließ er mich durch eine Freundin nach Hause bringen. Sie ging aber nur bis kurz vor dem Haus mit und ließ mich allein hineingehen. Meine Mutter schimpfte mit mir, weil ich gelogen hatte, was mir aber nicht bewusst war. Mir fehlte einfach ein Stückchen Zeit und meine Erklärung war nur Einbildung.

Heute weiß ich, dass es wohl eine Gehirnerschütterung war und ich eine ärztliche Untersuchung gebraucht hätte. Jedenfalls war die Lüge nicht gewollt.

©Rosemarie Brathe

klaepperchenEndlich war wieder Sommer, auf den ich mich schon so lange gefreut hatte.

Es war warm und man mußte nicht mehr so viel anziehen. Höschen an, Kleid drüber und ab zur Schule. Ach ja, die Schürze durfte natürlich nicht fehlen. War sie länger als das Kleid, was manchmal vorkam, war ich stinksauer.

Ich habe sie dann am Bund eingeschlagen und in der Taille festgebunden, damit sie nicht herunter rutschen konnte. Beim Völkerballspiel oder Seilspringen in der Pause passierte es dann aber immer wieder, dass mein Bindewerk nicht hielt und die Schürze wieder unten hing. Das hat mich ziemlich genervt.

Es war auch gut, dass wir keine Strümpfe anziehen mußten, so bekamen sie auch keine Löcher und wir brauchten sie nicht zu stopfen, was uns Mädchen schon sehr früh beigebracht worden war. An den Füßen trugen wir Sandalen, die aus Holzsohlen und Lederriemchen bestanden. Kläpperchen nannten wir sie, weil sie auf harten Böden beim Laufen klapperten.

Die Sohlen konnte man mit ein wenig Seife glätten und dann wunderbar auf trockenem Gras rutschen, so dass wir auch im Sommer eine Schlinderbahn hatten.

Eines Tages ging ich von der Schule nach Hause. Mein Weg führte an Feldern und Wiesen vorbei, wo wunderschön die Sommerblumen blühten. Ich beschloß, einen Strauß für meine Mutter zu pflücken. Weil aber meine Füße von den Riemchen der Sandalen wundgescheuert waren, zog ich sie aus und legte sie am Weg ab. Nachdem ich einen schönen Strauß aus Kornblumen, Mohn, Kamille, Ackerwinde wilden Wicken und Gräsern zusammengestellt hatte, mußte ich mich beeilen, denn es gab Schimpfe, wenn wir nach der Schule nicht rechtzeitig nach Hause kamen.

Ich rannte, so schnell ich konnte. Kurz vor dem Haus bekam ich einen großen Schreck. Meine Kläpperchen hatte ich am Feldrand vergessen. Was nun? Zurück ging nicht. Ich mußte erst ins Haus. Ich gab also meiner Mutter zuerst den Strauß. Sie freute sich sehr darüber. Gleichzeitig war sie auch abgelenkt und bemerkte nicht, dass ich ohne Sandalen gekommen war.

Nach dem Essen saß ich auf heißen Kohlen, mußte aber natürlich zu erst meine Hausaufgaben machen, ehe ich unbemerkt vom Hofe verschwinden konnte. Ich lief den halben Schulweg zurück um meine Kläpperchen zu holen. Zum Glück lagen sie noch auf der Stelle, wo ich sie abgelegt hatte. Auf diesem Weg gingen selten Leute und so waren sie noch nicht gefunden worden. Es war für mich eine Lehre. Das nächste Mal würde ich sie an den Tornister hängen.

©Rosemarie Brathe


magnifying-glass-479742 640Foto: Ander Unibaso VillaverdeEs war Sommer. Endlich wieder große Ferien.                         -

Wie gewöhnlich bekamen wir gleich am ersten Ferientag Besuch. Meine Tante kam mit drei Kindern, zwei Cousinen und einem Cousin. Sie verbrachten immer einen Teil des Sommers bei uns auf dem Land. Einerseits freute ich mich, dass endlich Kinder da waren mit denen man spielen konnte. Andererseits war auch etwas Eifersucht im Spiel, weil meine Oma, die mit uns immer sehr streng war, die Enkelkinder aber, die zu Besuch da waren, stets vorzog.

Natürlich hatten wir auch in den Ferien gewisse Aufgaben zu erfüllen. Wenn nötig im Garten helfen, wenn geerntet wurde Erbsen und Möhren döppen, Kaninchen Futter suchen. Auch Beeren sammeln war angesagt. Freizeit hatten wir aber trotzdem. Unsere Spielplätze waren meistens Feld, Wald und Wiese. Wir spielten gerne fangen, verstecken, knickern, Seil springen, Ballspiele oder Hütten bauen im Wald. Eine willkommene Abwechslung gab es immer, wenn die englischen oder amerikanischen Soldaten aus den Camps auf den umliegenden Wiesen abzogen. Dann standen meistens zwei Tage die Zelte leer, bis die neue Truppe kam. Wir durchstöberten dann gerne die Camps, um vielleicht etwas brauchbares zu finden.

In einem besonders großen Zelt, in dem auch Unterhaltungsabende für die Soldaten stattfanden, lagen eine Menge dicker Strohmatten, die zum Schlafen dienten. Mein Bruder und mein Cousin kamen auf die Idee, die Matten aufeinander zu stapeln. Immer ein wenig versetzt, so dass man darauf hochklettern konnte bis zum höchsten Fenster. Wir kletterten hinaus und rutschten auf dem Zeltdach hinunter. Die Großen sprangen das letzte Stück ab und uns Kleinen fingen sie auf. Irgendwann, wir waren ja auch nicht leise dabei, hatte meine Tante von unserem idealen neuen Spiel etwas bemerkt. Wir mußten das Zelt in Ordnung bringen und wurden dann sofort nach Hause beordert.Wir wußten gleich, was uns nun blühte-Es gab eine Strafpredigt und eine deftige Abreibung. Zum Glück war meine Mutter ja noch human.

Sie tat so, alswürde sie mir was hinten drauf geben, traf-aber -immer nur das Kleid.

Dafür war ich ihr sehr dankbar. Ich hatte nämlich sehr große Angst vor Schimpfe und Schlägen. Nun war ich noch einmal glimpflich davon gekommen. Schade war nur, dass unser neu erfundenes Spiel ein so jähes Ende gefunden hatte.

©Rosemarie Brathe

rauchenWenn ich am Wegesrand oder im Wald achtlos weggeworfene Pfandflaschen sehe und auch andern Müll, der in der Landschaft herum liegt, ärgere ich mich über die Leute, die so etwas tun.

Da liegt manchmal bares Geld herum. Früher, als ich noch klein war, wäre so etwas nicht passiert.

Wir haben nach dem Krieg alles gesammelt, was irgendwie von Nutzen sein konnte. So wurden z. Beisp. Eicheln zu den Bauen gebracht, die damit ihre Schweine geflittert haben. Wir bekamen dafür ein paar Eier, Brot und manchmal auch etwa Wurst oder Schinken. Wurst und Schinken mochte ich gar nicht so gerne. Ich aß viel lieber einen Pfannenkuchen mit Äpfeln.

Auch Bucheckern haben wir gesammelt. Daraus wurde Öl hergestellt. Einmal schimpfte eine alte Bäuerin mit uns, weil wir unter Buchen sammelten, die am Rande ihres Hofes standen. Dort war auch ein alter Wagenschuppen mit einem Flachdach, auf dem sich die Bucheckern ansammelten. Man brauchte sie nur zusammen zu fegen und konnte sie sauber ‚ohne Erde, in den Eimer füllen. Die Frau drohte uns: "Dass ihr mir nicht aufs Dach geht!"

Sie hatte zum Glück meinen Bruder nicht entdeckt, der schon längst oben war. Er hatte sich schnell flach hingelegt und mit einem überhängenden Buchenast verdeckt.

Die Frau ging dann auch und die Gefahr war gebannt. Mein Bruder fegte natürlich das Dach leer.

Auf den Wiesen vor und hinter dem Haus indem wir wohnten, waren ständig Soldaten stationiert. Von ihnen bekamen wir ab und zu ein Stück Schokolade, einen Kaugummi oder auch ein Stück Kuchen. Darüber haben wir uns immer riesig gefreut.

Mein Bruder, der schon 12 Jahre alt war, hielt sich oft bei den Soldaten in der Küche auf, wo er immer etwas zu m Essen bekam. Meine Mutter war ganz froh darüber. Was ihr aber ganz und gar nicht gefiel war, dass mein Bruder dort das Rauchen lernte. Wenn sie

merkte, dass er geraucht hatte, wurde er bestraft, was wiederum ich nicht haben konnte.

Dass die Soldaten so viel rauchten, hatte für uns aber auch etwas Gutes. Wir Kinder sammelten nämlich fleißig die weggeworfenen Zigarettenkippen. Der Tabak wurde mit den Fingern heraus gepult und zum Trocknen ausgebreitet. Wenn dann endlich eine große Dose voll war, ging meine Mutter damit zur Mühle und bekam dafür, man kann es kaum glauben, einen ganzen Beutel gutes Mehl. Daraus konnte sie dann Plätzchen, übrigens verziert mit gerösteten Bucheckern statt Mandeln, für die bunten Teller zu Weihnachten backen. Und einen schönen Weihnachtskuchen gab es auch.

Wenn ich heute darüber nachdenke kann ich es nicht fassen, dass Menschen ein gutes Nahrungsmittel wie das Mehl, gegen so einen giftigen Dreck eingetauscht haben.

©Rosemarie Brathe


christmas-89316 640„Was ist denn das?“
Ich schaute durch`s Fenster in den Garten meines Nachbarn.
„Das gibt es doch nicht!“
Meine Frau Agathe, von meinem Aufschrei herbeigeeilt, erstarrte in Fassungslosigkeit.
In Herrn Funzel`s Garten stand tatsächlich ein beleuchteter Weihnachtsbaum- und das am ersten Advent!

Diese Beobachtung geschah zu einer Zeit als der Advent noch Advent und Weihnachten noch Weihnachten war. Zum Advent gehörte der Adventskranz und zu Weihnachten der Weihnachtsbaum. Heute behaupten Viele den Advent habe es nie gegeben. Es sei immer die Vorweihnachtszeit gewesen. Aber dass an diesem ersten Advent ein beleuchteter Weihnachtsbaum in Nachbar`s Garten stand, kam der Landung eines UFOs gleich.
Agathe und meine Wenigkeit verharrten ungläubig in einer Starre, aus der wir uns erst nach einer gefühlten Ewigkeit zu lösen vermochten. An diesem Tag gab es nur noch ein Gesprächsthema: Wir grübelten darüber, wie so etwas geschehen konnte. War Herr Funzel etwa in einen Zustand geistiger Verwirrung eingetreten und glaubte es sei schon Weihnachten? Ich war kurz davor, zu ihm zu gehen, um ihn zurechtzustutzen und darauf hinzuweisen, dass am ersten Advent die erste Kerze angezündet wird und nicht der Weihnachtsbaum. Aber meine Frau hielt mich gewaltsam zurück.
Am Abend tranken wir noch so einige Likörchen, um uns diese extrem schwierigen Situation schön zu trinken Als wir dann zu Bett gingen, ahnten wir noch nichts von dem, was uns am folgenden Tag erwarten sollte.

Sobald wir nach einer alptraumreichen Nacht unseren Betten entstiegen waren, bemerkten wir, dass Familie Leuchtfeuer, unsere Nachbarn zu anderen Seite, ihre große Tanne im Vorgarten ebenfalls mit Lichterketten geschmückt hatte. Wir waren entsetzt. Bei Herrn Funzel hätten wir auf Grund seines Alters Nachsicht gezeigt, denn da konnte schon mal ein gewisser Grad an Vergesslichkeit aufkommen und Termine durcheinander gebracht werden. Aber bei einer Akademikerfamilie wie Familie Leuchtfeuer durfte so etwas nicht geschehen. Noch am gleichen Morgen schmückte Herr Funzel seine Haustür mit einem beleuchteten Türkranz. Familie Leuchtfeuer konnte daraufhin mit einem noch größeren Türkranz aufwarten und setzte noch einen drauf, indem sie entlang der Wäscheleine Lichtschläuche zog. Herr Funzel konterte mit Lichtschläuchen, die den gesamten Hausgiebel rauf und runter in Szene setzte.
Und wir wohnten zwischen diesen beiden wetteifernden Beleuchtungsaufrüstungsmaschinerien. Wir waren am Ende unserer Kräfte. Als Familie Leuchtfeuer noch mit Lichtmatten zu glänzen versuchte, die sie über sämtliche Hecken und Büsche legte, suchte ich einen Augenarzt auf, um mich zu erkundigen, wie stark sich bei mir schon Netzhautschäden durch die heftige Lichteinstrahlung bemerkbar gemacht haben könnten.

Einige Tage später fragte meine Frau: „Du Gustav, - wie wäre es, - ich meine könnten wir, - ich denke da, - vielleicht nur eine ganz kleine.., - an unserer Haustür?“ „ Agathe, wovon redest du?“ „Vielleicht könnten wir ja eine ganz kleine Lichterkette...?“ Weiter kam sie nicht. Das war auch gut so. Ich erlitt einen Schock, verweigerte zwei Minuten die Atmung und bekam beinahe einen Herzstillstand. Wie konnte sie nur so grausam zu mir sein?

Nachdem ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte, fuhr ich nach einer schlaflosen Nacht am nächsten Tag zum Baumarkt. Ich wollte Bretter kaufen, mit denen ich gedachte, die Fensterscheiben unseres Hauses zu verbarrikadieren, da die enorme Lichteinstrahlung von nebenan nicht mehr zu ertragen war. Dort traf ich auf Herrn Leuchtfeuer. Er verließ den Baumarkt mit vier reichlich gefüllten Einkaufswagen mit Beleuchtungsmaterial. Es schien noch kein Ende der Aktion in Sicht zu sein. Als ich später an der Kasse stand, um meine Bretter zu bezahlen, sagte der Verkäufer: „Das macht vierhundertsechsundzwanzig Euro und neununddreißig Cent. Ich schaute ihn irritiert an und fragte: „Sie machen Scherze junger Mann, vierhundert Euro für ein paar Bretter und Nägel?“ „Ja, die Bretter, die Nägel und den Rest dort“, der Kassierer wies mit der Hand zum Verkaufsband. Ich schaute verdutzt. Da lag doch tatsächlich einiges an Beleuchtungsmaterial, von Lichterketten über Lichtschläuche bis zu Leuchtmatten. Nanu, wie hatte sich all das denn in meinen Einkaufswagen geschlichen? Was war in mich gefahren? Wie kam ich denn dazu, das von mir so verabscheute Beleuchtungsmaterial einzupacken? Ich musste es wohl ganz in Gedanken und völlig unbewusst in den Wagen gelegt haben. Und wo es jetzt schon mal an der Kasse lag, nahm ich es auch mit. Wer weiß, vielleicht konnte man es ja irgendwann mal verwenden.

Als ich nach dem Heimweg wieder in unsere Straße einbog, fuhr ich dreimal an unserem Haus vorbei, bis ich es endlich sah. Unser Haus, das war ein schwarzes Loch im Universum einer Weihnachtslichtergalaxie. Und ich konnte von Glück reden, dass ich das Haus überhaupt wieder fand. Dass durfte nicht so weiter gehen. Ich musste etwas unternehmen. Gott sei Dank hatte ich die Lichterketten vom Baumarkt mitgenommen.
Ich begab mich daran, unser Haus und den Garten zu schmücken. Als ich sämtliche Lichterketten, Lichtschläuche und Leuchtmatten befestigt hatte, erschien mir meine Weihnachtsbeleuchtung doch sehr dürftig, gegenüber der von Familie Leuchtfeuer und Herrn Funzel. Noch am gleichen Abend orderte ich beim Elektrofachbetrieb fünf Spezialisten, die mich in den nächsten zwei Wochen unterstützen sollten. Ich verständigte die Stadtwerke, damit meine Stromversorgung auf das Achtzehnfache verstärkt wurde. Die fünf Spezialisten bauten Gerüste, um riesige Flutlichtstrahler zu installieren. Lauflichter in allen Farben, Stroboskope und Blitzlichter brachten Effekte ins Spiel. Auf dem Dach thronte ein Leuchtstern von zehn Metern Durchmesser. Die Beleuchtung einer großen Kirmes war ein Witz gegenüber meiner Lichtshow. Mit Laser- Strahlungstechnik projektierte ich am Himmel über unserem Haus einen überdimensionalen Schlitten mit Weihnachtsmann und sechsundzwanzig Rentieren.

Zwei Tage später stand in der Zeitung: „Flugzeug abgestürzt! Ursache ungeklärt. Es wird mit der Weihnachtsbeleuchtung über einem Wohnhaus in Zusammenhang gebracht.“ Ich dachte nur: Was die Zeitungen manchmal für einen Unsinn schreiben?
Außerdem hatte ich keine Zeit, mich mit so etwas zu beschäftigen. Es gab noch so viel zu tun und bis Weihnachten blieben mir nur noch zwölf Tage…

„Die Geschichtenmanufaktur“ Ludger Pötter


Stamps of Germany Berlin 1989 MiNr 853Die Anfänge der Post in Hullern? „Die waren bei Deinken“, ist sich Hermann Klimse sicher. „Dort, an der heutigen Hauptstraße, in der Schnapsbrennerei mit Gastwirtschaft, war die erste offizielle Poststation.“ (In jüngerer Zeit war in dem Gemäuer die erste Nichtraucherkneipe Halterns eingerichtet, „Steinhof“ steht noch heute an der Fassade.) Bei Deinken, im Haus Nummer 39, gaben die Kuriere die gesamte Post für die Hullerner Bevölkerung ab. Die holte sie dann nach und nach ab, je nachdem, wann man gerade mal ins Dorf kam. Postboten, so wie Hermann Klimse und seine Frau Thekla es jahrzehntelang in Hullern waren, gab es noch nicht.
Wie Heiko Bruder auf seiner Internetseite "Hullerner Geschichten(n)" aufzeigt, „lässt uns der Hof- und Adreßkalender des Hochstifts Münster auf das Jahr 1783 in seinem Bericht von den Boten zu Fuß, wie sie von Münster ankommen und abgehen, über die Versorgung unserer Gegend folgendes wissen: Olfensche Bote logiert in Homanns Haus, geht über Seppenrade und Lüdinghausen, bestellt in Selm, Borken (= Bork), Ahlen, Waltrop, Datteln, Huldern (= Hullern), Recklinghausen und durch das Vest.“ Wohlgemerkt: er ging zu Fuß! Die Zeiten, wo innerhalb von Minuten die auf der ganzen Welt verstreute Verwandtschaft per SMS über die Geburt von Klein-Clemens informiert ist, waren noch sehr weit weg.
Die Postsachen blieben in einigen Orten meistens bis zu einem schulfreien Nachmittag liegen „und gelangten dann durch Schulkinder an den Empfänger, wenn sie nicht vorher bei der Niederlegungsstelle abgeholt waren. Festes Gehalt erhielt der Wirt für seine Dienste nicht, er durfte aber eine Zustellgebühr erheben, die innerhalb der Ortschaft 6 Pfennig betrug“ weiß Heiko Bruder aus Überlieferungen.
Zwar waren bereits im Jahre 1665 auf Anregung des Münsteraner Fürstbischofs Christoph Bernhard Graf von Galen mehrere Wagenposten eingerichtet worden, eine davon war die einmal wöchentlich auf dem „Alten Postweg“ durch Hullern verkehrende Linie Münster – Olfen – Haltern – Dorsten – Wesel. Diese Fahrpost beförderte allerdings nur Personen, Gelder oder Pakete. „Das Recht der Briefbeförderung war allein der Thurn- und Taxis`schen Reitpost vorbehalten.“ Erst die „Deutsche Reichspost“ begann 1871 mit dem Ausbau eines engmaschigen Postnetzes. Nun wurde Hullern von der Halterner Postexpedition beliefert.
Am 17. Oktober 1907 berichtet der „Halterner Anzeiger“ von einem zwei Tage vorher verübten Überfall auf die Postkutsche, die zwischen Haltern und Hullern verkehrte. Danach brachten zwei unbekannte Männer an jenem Dienstagabend um 19.30 Uhr den Wagen zum Stehen und stachen dem Postboten Hagemann mit einem Messer erheblich in die rechte Hand. „Da der Beamte ohne jegliche Waffe war und annahm, dass die beiden Kerle einen Raubüberfall beabsichtigten, trieb er das Pferd an und fuhr im Trabe nach Haltern. Leider konnte der Beamte bei der herrschenden Dunkelheit die niederträchtigen Subjekte nicht erkennen. Die Polizei wurde von dem Vorfall sofort in Kenntnis gesetzt. Dieselbe ist eifrig bemüht, der beiden Kerle habhaft zu werden. Vor mehr als Jahresfrist wurde auf derselben Chaussee abends auf den damaligen die Post fahrenden Beamten geschossen. Es drängt sich die Frage auf: Warum wird seitens der Postverwaltung der Beamte nicht mit einer Schusswaffe versehen?“ empörte sich der „Halterner Anzeiger“.
Dass mit der Postkutsche nicht nur Post transportiert wurde, geht aus dem Buch Haltern und seine Umgebung, erschienen 1967 im Halterner Verlag Alexander Kortenkamp, hervor:
„Einmal in der Woche brachten die Bäuerinnen aus Hullern und der Steverbauerschaft ihren Kundinnen in Haltern ihre Welle ‚Bauernbutter’, frische Landeier und nach Bestellung ein Huhn oder eine Ente“, heißt es darin. „Wenn es im Winter zu kalt war, reisten nur die Körbe mit ihrem Inhalt nach Haltern und der alte Brüggemann stellte die Körbe in einer Reihe vor der Kaiserlichen Post auf den Bürgersteig, einen jeden auf seinen Platz. Dann bedienten sich die Halterner Frauen selbst und knoteten den Gegenwert in ‚Kaßmännkes’, Groschen und Markstücken in eine Ecke des über dem Inhalt des Korbes liegenden Tuches.“ Das alles brachte „der alte Brüggemann“ dann in der Postkutsche wieder zurück nach Hullern. Ob er die Körbe zu den Höfen brachte oder ebenfalls einfach alle bei Deinken ablieferte, ist nicht bekannt.
Hermann Klimse, der ab 1957 40 Jahre als Postzusteller im Dienst war, davon die meisten Jahre in Hullern, weiß aus Erzählungen, dass die Poststelle in den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts von Deinken „schräg gegenüber zu Köpper kam“. Alwine Köpper, „die Tochter im Haus“ war, betrieb die Post jedoch nicht sehr lange. Sie starb 1933. Danach übernahm ihre Schwester Maria, die mit Schreiner Loddenkemper verheiratet war, die Aufgabe und richtete die Poststelle in ihrem Haus gleich neben der Kirche ein. 1945 wurde Tochter Hilde ihre Nachfolgerin. Als diese 1959 starb, übernahm ihre Schwägerin Anni Loddenkemper die Poststelle und betrieb diese bis 1992. Auch danach blieb die Post in der Familie: Schwiegertochter Erika Loddenkemper übernahm die Aufgabe. „Bis zur Neustrukturierung, sprich: Auflösung der Poststellen, 1999“, so Hermann Klimse.
Immerhin blieb im Dorf eine Anlaufstelle für die Postkunden erhalten. Zunächst war sie wieder in der alten Adresse, (früheres Haus Köpper) untergebracht, Dort blieb sie wiederum nur kurz. In der Hauptstraße 46 fand sie ein neues Domizil, neben Lebensmitteln, Zeitschriften, Lotto-Toto-Annahme. Dort ist die Poststelle Hullern noch heute untergebracht. Zwar ist sie nur eine Stunde täglich geöffnet, aber immerhin…. Autor: Beate Mertmann


das haus in dem ich geboren binDas Geburtshaus von Rosemarie Brathe / Foto PrivatKindheitserinnerungen
Ein Haus geht mir nicht aus dem Sinn: Das Haus, in dem ich geboren bin. Einst gingen Menschen ein und aus, sie lebten dort in jenem Haus. Fast 80 Jahre oder mehr, so lange ist das jetzt schon her, kam Oma und nahm die Wohnung dort im Haus am Wald. Sie zog von Recklinghausen-Süd nach Lavesum und brachte auch die Kinder mit. Ihr Ehemann war im Bergwerk ums Leben gekommen.

Zwölf Kinder hatte sie geboren und vier davon schon früh verloren. Die ältesten Jungs waren nicht mehr klein, sie verdienten ihr Brot allein. Meine Mutter wurde mit acht Jahren fortgegeben, sie musste bei fremden Leuten auf einem Bauernhof leben. Oma war jetzt in einer anderen Welt, hier wurde hinterm Haus der Garten bestellt. Auch Obstbäume boten etwas zum Essen, da wurden kein Apfel und keine Birne vergessen. Am Brunnen konnte man Wasser holen, Herd und Ofen wurde geheizt mit Holz und mit Kohlen. Kaninchen im Stall, Hühner hatte sie auch, im Wald suchte sie Pilze und Beeren vom Strauch.

So vergingen die Jahre, die Kinder waren groß, keines saß mehr auf Mutters Schoß. Sie suchten sich Arbeit, so musste es sein, und allmählich war dann die Oma allein. Doch später hatte sie etwas Glück, drei ihrer Töchter kamen zurück. Meine Mutter mit Mann und zwei Kindern zog ein, so musste sie nicht alleine sein. Meine Eltern hatten das dritte Kind bestellt, und so kam ich in diesem Hause zur Welt. Omas nächste Tochter hatte auch einen Mann mitgebracht, für sie wurden auf dem Dachboden zwei Zimmer gemacht. Nach der Hochzeit zogen sie ein und hatten dann nach und nach drei Kinderlein. Auch meine Mutter bekam noch ein weiteres Kind, so dass wir dann vier geworden sind. Die jüngste Tochter der Oma war dann auch wieder da, und so wurd das Haus voller, Jahr um Jahr.

Wir hatten ein Zimmer für uns allein und schliefen im Bett immer zu zwein. Nur die Kleinste schlief im Kinderbett, wir waren zufrieden, es war doch ganz nett. Nur manchmal nachts, das Bett war gerade warm, da mussten wir raus, es war Fliegeralarm. Dann ging es schnell, mit Mantel und Decken, mussten wir uns im Keller oder Bunker verstecken.

Die Wohnstube, eigentlich sehr klein, musste für alle zusammen sein. Kinderzimmer gab es nicht, draußen am Hof gab es auch kein Licht. Das Plumpsklo hinter dem Haus war gar nicht schön, nachts durften wir aufs Töpfchen gehen.

In den Sommerferien kam die Tante aus Recklinghausen-Süd und brachte auch drei Kinder mit. Sie blieben länger auch über Nacht, sie wurden alle noch untergebracht. Ein Sohn meiner Oma hatte Glück, er kam aus russischer Gefangenschaft zurück. Am Heiligen Abend 1949 war er wieder da, das war die größte Freude vom ganzen Jahr. Der Onkel wohnte nun auch in der Runde und alle waren froh, jeden Tag, jede Stunde. Oben waren es fünf und unten waren es acht, so wird eine große Familie gemacht. Nebenbei gesagt, wir wohnten da nicht allein im Haus, es gingen noch andere ein und aus. Da gab es noch ein Nebenan, da wohnte Familie Schniederjan. Ich mochte den Nachbarn, ich fand es wunderbar, er spielte so schön Mundharmonika.

Meine Mutter war traurig, sie hatte kein Glück, mein Vater kam nicht aus dem Krieg zurück. So gab es Freud und Leid in diesem Haus. Wir wurden erwachsen und zogen mit unserer Mutter dann aus.

Der Onkel starb früh, er wurde nicht alt, und meine Oma folgte ihm bald. Auch oben unter dem Dach, die Familie der Tante löste sich auf, die Kinder gingen aus dem Haus. Dann starb auch von der Tante der Mann, da haben sich die verbliebenen Schwestern zusammen getan. Sie lebten jetzt allein in dem Haus, auch nebenan die Familie war raus. Die Tanten hatten sich fleißig geregt und immer noch Haus, Hof und Garten gepflegt. Doch sie wurden älter und sahen es ein, es war nicht mehr gut, dort alleine zu sein. So wurde der Ära ein Ende gemacht und sie wurden zum Sohn in eine neue Wohnung gebracht.

Danach wohnten noch andere Leute dort, aber sie waren auch schnell wieder fort. Verlassen steht das alte Haus, kein Mensch geht dort mehr ein und aus. Kein Leben mehr in dem Gehäuse, eventuell noch ein paar Mäuse. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich das Haus verkommen seh. Wächst zu und bröselt vor sich hin: Das Haus in dem ich geboren bin.
©Rosemarie Brathe{jcomments on}


baum heideAlte Kiefer in der Westruper Heide (Foto:©Klaus Büttner)Was machten junge Mädchen von 16 Jahren vor 50 Jahren in einem Dorf? Nun ja, man fuhr brav zur Arbeit und zwar mit dem Fahrrad, das man glücklicherweise schon hatte. Bei jedem Wetter! Im Winter war es schon manchmal hart. Regen, Kälte, Schnee, Glatteis: Für mich war es schlimm, wenn ich gegen starken Wind ankämpfen musste. Aber es nutzte alles nichts, man musste durch.

Umso mehr freute man sich auf den Frühling, wenn die kalten Zustände langsam nachließen und man abends wieder im Hellen nach Hause fahren konnte. Wir waren umgezogen und wohnten noch nicht so lange im Dorf. Zum Glück hatte ich schon eine neue Freundin gefunden. Sie hatte eine Lehrstelle in Dülmen, konnte dort im Ausbildungsbetrieb auch wohnen. Sie hatte es also besser, sie brauchte nicht durch Wind und Wetter zu fahren.

 

Am Wochenende aber kam sie nach Hause zu ihrer Mutter. Geschwister hatte sie nicht, ihr Vater war im Krieg vermisst. An den Sonntagen waren wir oft zusammen. Unsere Mütter verwöhnten uns immer mit Kuchen. Wir gingen in der Haard spazieren oder im Sommer im Kanal oder im Baggerloch schwimmen. Ab und zu fuhren wir nach Haltern und sahen uns einen Film im Deli-Theater oder im Römer-Theater an. Manchmal kamen auch noch zwei Freundinnen aus Dülmen dazu.

Als sie an einem Sonntag wieder mal da waren, beschlossen wir, durch die schöne blühende Westruper Heide zu gehen. Es war ein wunderschöner Tag und viele Ausflügler waren unterwegs. Auf der Kreuzung stand wieder so ein bemitleidenswerter Polizist in der prallen Sonne, der mit ausgebreiteten Armen den Verkehr regeln musste. Wem könnte man das heute noch zumuten?

 

Wir machten unsere Wanderung durch die Heide. Auf dem Rückweg mussten wir ein Stück an der Straße entlang laufen. Eines der Mädchen war immer zu jedem Spaß und Schabernack aufgelegt. Sie schlug vor, ein Auto anzuhalten. Sie stellte sich an die Straße als Anhalterin und wir anderen mussten uns hinter einem Strauch verstecken. Sie wartete, bis ein einzelner Mann mit einem ansehnlichen Auto angefahren kam. Sie hielt ihn an und fragte, ob sie mitfahren dürfe. Als er sie aufforderte, einzusteigen, rief sie: „Ihr könnt kommen!" Wir tauchten aus dem Versteck auf und wollten ebenfalls einsteigen. Der Mann war ganz verdutzt und geschockt. Er gab Gas und brauste davon. Das machten wir noch zwei Mal und hatten natürlich unseren Spaß an den Reaktionen der Männer. Niemand wollte alle vier Mädchen mitnehmen. Ich denke, so ein harmloser Streich war zu verzeihen.
©Rosemarie Brathe


malaga spain alcazaba teatroRömisches Theater und Alcazba / WikiSich allein anziehen. Zum ersten Mal in den Kindergarten, in die Schule. Schreiben, lesen, schwimmen, Rad fahren, Auto fahren - alles zum ersten Mal und selbstständig.
Jetzt kam meine Enkelin und sagte mir, dass sie in der nächsten Woche zum ersten Mal ganz alleine eine Flugreise machen werde. Sie will ihre ältere Schwester besuchen, die für ein Jahr nach Japan gegangen ist, um dort zu studieren. Sie wird sich sehr freuen, wenn ihre Schwester an ihrem Geburtstag bei ihr ist. Es ist das erste Mal, dass sie ihren Geburtstag nicht mit ihren Eltern und anderen Familienmitgliedern feiert.
Ich finde es von meiner Enkelin ganz schön mutig, so eine weite Reise mit Umsteigen in Dubai zu unternehmen - ohne Flugerfahrung. Aber heute wachsen die Kinder ja nicht so weltfremd auf wie wir früher. Sie sprechen alle Englisch und viele auch noch weitere Fremdsprachen. So hätte meine Enkelin uns - meiner Freundin und mir - in Madrid am Flughafen weiterhelfen können mit ihren Spanisch-Kenntnissen. Uns konnte oder wollte keiner verstehen, als wir wissen wollten, wie wir nun weiter nach Malaga kämen. Unsere Maschine war mit zwei Stunden Verspätung in Düsseldorf gestartet, dadurch verpassten wir unseren Flieger nach Malaga. Es hatte sich aber schon eine Gruppe von neun Personen gebildet, die auch betroffen war. Einer sprach Englisch, er hat für uns gesprochen und verhandelt.
Wir bekamen erst einmal einen Gutschein für ein Abendessen im Flughafen-Restaurant und die Zusage, dass wir nach 22 Uhr noch mit einer Maschine mitfliegen könnten. Das wurde dann aber noch einmal eine Stunde später, 23.20 Uhr. Zum Glück hatten wir daran gedacht, in unserem gebuchten Hotel anzurufen, damit es einen Bus für uns zum
Flughafen schickt. Sonst hätten wir in Malaga noch weitere Stunde warten müssen.
Es war dann noch eine Stunde zu fahren bis zu unserem Ferienort in Andalusien. So waren wir dann endlich statt nachmittags um 17 Uhr am anderen Morgen um 3 Uhr auf unserem Zimmer. Das war auch das erste Mal, dass ich so eine Panne erlebte. Wenn einer eine Reise tut... Ich hoffe, meiner Enkelin passiert so etwas nicht.
©Rosemarie Brathe


zugspitze gipfelkreuz fernZugspitze (Foto: Klaus Büttner)Wenn meine Mutter früher erzählte, die Frau von ihrem Arbeitgeber sei schon wieder auf einer Urlaubsreise, dachte ich: Na ja, die kann sich so etwas erlauben. Das werden wir nie können.

 

Später bekamen wir dann manchmal eine Ansichtskarte. Mein Cousin hatte sie geschrieben. Er machte Urlaub in Grainau, dem Dorf am Fuße der Zugspitze. Er schilderte, wie herrlich es dort sei und ich wunderte mich, dass auch er sich so eine Reise leisten konnte. Ich wünschte mir, dass ich irgendwann in meinem Leben auch in der Lage sein würde, Urlaub zu machen. Es war mir klar, dass ich mein Ziel nur mit fleißiger Arbeit und fleißigem Sparen erreichen konnte.

Ich war 15 Jahre alt und arbeitete in einem Geschäftshaushalt. Half bei der Hausarbeit und musste mich vorrangig um die 10-jährige Tochter kümmern, was ich auch gerne tat. Sie ist heute noch meine Freundin. Ich wurde sehr gut behandelt, bekam gutes Essen und Taschengeld. Ich suchte schon lange nach einer Lehrstelle. Ich fand sie schließlich in einer Herrenschneiderei. Weil ich 16 Jahre alt war, bekam ich 30 DM statt 25 DM im 1. Lehrjahr. Ich hatte einen der besten Lehrmeister. Er war immer nett und freundlich. Er blieb es auch, wenn mal etwas schief ging. Er schimpfte nie, das rechnete ich ihm hoch an. Er ist mir bis heute in guter Erinnerung. Mein Lehrherr hatte mit seiner Frau auch schon Urlaub in den Bergen gemacht — mit Gogo-Mobil und Campingzelt.

 

Eines Tages kam er in die Werkstatt und fragte mich, ob ich seine Frau auf einer Urlaubsreise begleiten wolle. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Er sagte, dass sie schon ein Zimmer gebucht hätten, er aber wegen vieler Aufträge nicht abkömmlich sei. Da wir mit dem Zug fahren sollten, kam mir das Glück zugute, dass ich einmal im Jahr — solange ich in der Lehre war — einen Freifahrtschein bekam. Denn mein Vater hatte bei der Bahn gearbeitet; den Vorzug hatten auch Kinder wie wir, deren Väter im Krieg gefallen waren.

Ich musste aber wissen, wie viel das Zimmer kosten würde und überlegte, ob mein Gespartes ausreichte. Da das Zimmer in einem Privathaus gebucht war, war der Urlaub erschwinglich. Ich sagte freudig zu. Ich würde einen richtigen Urlaub machen, ich konnte es nicht fassen!

 

Unser Ziel war Garmisch. Ich würde die Zugspitze sehen und vielleicht auch hochfahren. Mein Lehrmeister war ein begeisterter Fotograf. Er zeigte viele Dias von unserem Urlaubsort und von einem Aufstieg durch das Höllental auf die Zugspitze. Diesen Aufstieg hatte er mit seiner Frau gemacht. Ich war fasziniert. Er hatte mir auch schon im Laufe der Zeit immer wieder gute Tipps zum Fotografieren gegeben, nachdem ich mir von meinem ersten verdienten Geld den lang ersehnten Fotoapparat gekauft hatte. Mein Lehrmeister hatte sich bereits eine Schmalfilmkamera zugelegt, um sein erstes Kind zu filmen. Diese Kamera sollte ich mitnehmen, um unseren Urlaub zu filmen — damals noch schwarz-weiß und ohne Ton. Er gab mir wieder Unterricht in der Bedienung, so dass ich mich traute, die Kamera mitzunehmen.

Dann ging die Reise endlich los. Schon die lange Bahnfahrt war ein Erlebnis. Wir wohnten bei einer netten Familie Schweiger in Garmisch in der Frühling-Straße. Ich war sehr beeindruckt von der schönen Umgebung. Jetzt schrieb ich die bunte Urlaubskarte nach Hause: „Die Berge sind viel höher als ich mir vorgestellt habe." Das Schönste kam, als wir mit der Zahnradbahn die Zugspitze hochfuhren. Ich filmte die Auffahrt von Grainau aus, den Blick auf den Eibsee und die herrliche Bergwelt gerichtet. Die Berge überwältigten mich noch mehr als wir am Schneefernerhaus ankamen und auf der einen Seite ins Rheintal und auf der anderen Seite nach Österreich schauen konnten.

 

Zwei Grenzbeamte, die wir in der Bahn kennen gelernt hatten, schlugen uns vor, doch oben auf der Zugspitze zu übernachten, um einen einmaligen Sonnenuntergang zu erleben. Wir hatten Bedenken wegen der Preise, aber die Grenzer ließen für uns zwei Betten in einem Naturfreundeheim, ähnlich einer Jugendherberge, reservieren. Mit Frühstück kostete das 3,50 DM.

Bei Schweiger im Ort wurde Bescheid gesagt, dass wir am Abend nicht zurück kämen. Es war wirklich der schönste Sonnenuntergang, auf dem Schwarz-Weiß-Film hatte er leider keine Wirkung. Am nächsten Tag fuhren wir noch mit der Seilbahn ein Stück höher, um einmal am höchsten Punkt Deutschlands, am Gipfelkreuz, zu stehen. Am Nachmittag fuhren wir mit der Zahnradbahn zurück ins Tal.

Danach standen noch einige Ausflüge an. Wir gingen durch die Höllentalklamm, wir ruderten auf dem Rissersee, mit dem Hausberglift ging es hoch zur Alpspitze. Natürlich sahen wir auch die Stadt, das Olympiastadion und die Sprungschanze, Schloss Linderhof und Kloster Ettal durften nicht fehlen. Als Höhepunkt besuchten wir dann noch die Passionsspiele in Oberammergau. Es war wunderschön! Mein erster richtiger Urlaub! Ich hatte mich unsterblich in die Berge verliebt und wollte nach meiner Lehre dort arbeiten. Daraus wurde aber nichts. Stattdessen unternahmen mein Mann und ich unsere Hochzeitsreise in die Berge.
©Rosemarie Brathe


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